Die Ohrbooten, vermutlich ein Wortspiel aus Ohrwurm und Götterbo(o)ten, legten für einen kleinen, pheinen Gig in der Zeche Carl an, und versuchten dabei, das tanzwillige Publikum mit ihrem Spieltrieb zu verwirbeln. Sollte das Vorhaben wirklich gelingen?
Doch vorher wurde zum “Gipfeltrreffen” geladen. Dies in Form von drei wild herumderwischenden Rappern, den Herren Kryszler, Free und Raw-Bird. Mit viel BlinkToys, sympathischem Wortwitz und eben heftigstem Rumgetanze auf der Bühne.
Der Support-Act aus Hamburg heizte schonmal ordentlich vor. Es schien ein Bühnendebut zu sein. Und was soll ich sagen, die Jungs haben’s drauf. Dass die sich beim Derwisch-Spielen nicht um die Mikroschnüre gewickelt haben grenzt an ein kleines Wunder. Auf jeden Fall mal beobachten, da könnte noch mal richtig was großes draus werden. Bis zum nächsten “Gipfeltrrreffen”.

Da die drei Jungs keine größeres Equipment auf der Bühne hinterliessen, blieb uns eine langatmige Umbaupause erspart. Und sodann schritten die vier Berliner Ben (Gesang, Gitarre, Bass, Songwriting), Matze (Gitarre, Bass, Klavier), Onkel (Cajon, Gesang, Bass, Percussion) und Noodt (Tasteninstrumente, Bass) zu werke und begrüßten uns gleich mit “Babylon Beiboot”. Von der ersten Minute an, waren gleich alle, wirklich alle in freudiger Bewegung ob der Reggaerhythmen. Und Sänger Ben versteht sein Handwerk gut, und weiß was das Publikum will: Hüpfen und Mitsingen. Das gelingt bei der Super-Live-Performance der Ohrbooten nur zu leicht.
Das Schöne an dem Ohrbooten-Gig war, dass es neben den vielen bekannten Tracks auch neues Material zu hören gab. Da der Text bei uns Publikum noch nicht so saß, hat uns Ben dann hin- und wieder mit non-verbalen Reggae-Chor-Einlagen überzeugt. Und der ganze Saale, ürgste, sömste und gab durchaus bemerkenswerte meist rhyhtmisch passende Laute von sich. Genial das.

Der Schlagwerker, Onkel genannt, der auch schon mal ungeniert sein Zeugs in der Gegend rumpfefferte, verstand es, ein unglaublich lebendiges und abwechslungsreiches Set zu bedienen. Dabei wurde auf alles getrommelt, was nicht niet und nagelfest war, naja eigentlich auf dem Rest auch. Und so manche interessante Klangkullisse wurde von ihm vorbereitet und durchgesetzt. Ungewöhnlich auch der Aufbau: Links Schlagzeug, rechts Synthie und Vocoder, in der Mitte Sänger und Gitarre. Der Bass kam tief und druckvoll vom Noodt sein Moog. Und das war deutlich in der Bauchgegend zu spüren.
Überhaupt hatte Noodt ein feinkalkuliertes System von Sounds dabei, mit dem er zum einen die Solo-Melodien hervorzauberte, zum anderen aber auch die Reggae-typischen tiefen, relaxten Bassläufe vorlegte. Ungewöhnlich und gut. Der Mann an der Gitarre muss wohl in direkter Linie einen Teufelsgeiger unter seinen Vorfahren gehabt haben. Kaum eine Minute, in der er stillstand. Aber auch Sänger Ben scheint ähnlich Gene im Blut zu haben. Und welche Hymne könnte auf den modernen Syntie/Roma besser passen, als “Und tschüss”. Verdammt schwer, so was zu fotografieren, aber schaut selbst:
Fazit: Eine wirklich einzigartige Mischung aus Reggae, Hiphop, Zigeuner-Vibes und UrBerliner-Slang. Das klingt nicht nach zugezogen. Das ganze mit einer Spielfreude vorgetrage, dass es i.m.h.o. das beste Konzert des Jahres war. Das passt echt neben Seeed. Also, wenn Du irgendwo Ohrbooten auf einem Plakat siehst, und ungefähr Datum, Ort und Uhrzeit erkennen kannst: Nichts wie hin.
Hier noch die Tracklist. Bei den Zugaben sind wir uns nicht mehr ganz so sicher. War ja auch was später:
01 - Babylon Beiboot
02 - Autobahn
03 - Eurose
04 - Junge Dame
05 - Bild dir deine Meinung
06 - Stadtkind/Maschine
07 - Dschungelpartei
08 - Man lebt nur einmal
09 - Irgendwas ist doch immer
10 - Kaffee
11 - Politix
12 - Ich glaube
13 - Müde Krieger
14 - Alle gegen alle
15 - Kaufrausch
1. Zugabe:
16 - An alle Ladies
17 - Maschinen
2. Zugabe:
18 - Und Tschüss!
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